Der verrückte Professor ist tot

von F. Holert

Ein Kalauer-König blieb Jerry Lewis bis zum Schluss. Ganz egal, wie sehr sein von Krankheiten gepeinigter Körper schmerzen mochte, sobald er die Aufmerksamkeit des Publikums hatte, knipste er seinen Gummi-Humor an. Bei einem Auftritt vor vier Jahren beim Festival in Cannes schielte Lewis auf Knopfdruck, steckte sich die Kopfhörer in die Nase, und als ihn jemand nach seinem Filmpartner Dean Martin fragte, da antwortete er: „Er ist schon gestorben, wussten Sie das nicht?“ Die beiden waren einst ein Traumpaar, und die Trennung von Martin war die schmerzhafteste, die der US-Komiker in seiner langen Karriere durchzustehen hatte. 1945 lernte Lewis, damals als Imitator in Nachtclubs unterwegs, den mäßig erfolgreichen Schnulzensänger Paul Dino Crocetti kennen, der als Dean Martin auftrat. So ein seltsames Duo hatte die Welt noch nicht gesehen: Der blendend aussehende Martin gab den galanten Macho, Lewis den naiven Chaoten. Gemeinsam legten sie eine unwiderstehliche Mischung aus Slapstick und Songs hin. Halb Amerika brüllte vor Lachen. Bald meldete sich Hollywood: Bei der Paramount entstanden 16 Spielfilme, die Titel wie „Der Prügelknabe“ oder „Der Tollpatsch“ trugen. Doch Martin fühlte sich mehr und mehr als bloßer Stichwortgeber für die Späße des anderen. Mitte der Fünfzigerjahre war der Kitt zwischen beiden aufgebraucht. Der Bruch war hart und böse. 20 Jahre lang sprachen sie kein Wort mehr miteinander. Dann inszenierte Frank Sinatra vor laufenden Kameras ein Wiedersehen. Doch auch ohne den anderen blieb Lewis mit Filmen wie „Der verrückte Professor“ der Kindskopf der Nation.

Angeblich wusste der aus einer jüdischen Familie stammende Lewis schon als Fünfjähriger, was das Schicksal für ihn parat hielt. Damals verbeugte er sich auf einer Bühne, stieß gegen einen Scheinwerfer, der fiel um und explodierte. Das Publikum war begeistert: „Da wusste ich, was ich für den Rest meines Lebens zu tun hatte: stolpern, ausrutschen, hinfallen“, so Lewis später.

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Aber es gab noch einen anderen Lewis, den ernsthaften Charakterdarsteller. Eine Kostprobe davon gab er 1981 in Martin Scorseses „King of Comedy“ als unterkühlter Showmaster. Und da war jener rätselhafte Film, der Lewis bis zu seinem Tod verfolgen sollte und der nie ins Kino kam: die Holocaust-Tragikomödie „The Day The Clown Cried“ (1972). Lewis führte Regie und spielte einen deutschen Clown, der eine Gruppe Kinder in den Tod begleitet. „Bei meinem Versuch, dieses große Menschheitsverbrechen von der Realität in die Fiktion hinüberzubringen, besetzten die Gräuel mein ganzes Denken und Fühlen. Ich war so betroffen, dass mir der Film entglitt“, sagte Lewis. Ein anderer drehte dann ein ähnliches Werk und wurde mit dem Oscar geehrt: der Italiener Roberto Benigni mit „Das Leben ist schön“ (1997). Lewis bemerkte dazu: „Benigni stahl mir die Idee. Aber er hat es gut gemacht. Er war nicht gerade anständig, aber er war gut.“ Egal, ob es so verhielt oder nicht: Lewis war ein Vorbild für viele der namhaftesten Komiker, die nach ihm kamen. Benigni, Adam Sandler oder auch Jim Carrey: Sie alle haben von Jerry Lewis gelernt, der am Sonntag im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Las Vegas gestorben ist.Stefan Stosch/RND

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